Quelle: Sächsische Zeitung vom 03.04.2003 von Annett Liebe
Großenhainer Familien spenden Steinmetzarbeiten für Dresdner Gotteshaus
Lange haben die Großenhainer Steinmetze Hartmut und Andreas Witschel daran gearbeitet. Gestern nun der große Moment: Die für einen Treppenturm der Frauenkirche angefertigten Flammenvasen wurden aufgesetzt. Es ist eine Spende der gesamten Familie.
Kühl bläst der Wind durchs Elbtal. Hier oben, 40 Meter über dem Dresdner Neumarkt und gleich neben der steinernen Kuppel der Frauenkirche, ist er besonders unangenehm. Trotzdem wird im entscheidenden Moment allen Beteiligten warm ums Herz. Auf den Augenblick haben sie sich monatelang gefreut. Ganz langsam rasselt die Kette. An ihr hängt eine Flamme aus Sandstein. Sie senkt sich auf ihren zukünftigen Standort - eine steinerne Vase. Behutsam, damit das gute Stück nicht aneckt, passen die Steinmetzen die Flamme ein. Dann erst wird die Kette ausgehängt. Applaus, die Sektkorken knallen. „Mein Gott", sagt Hartmut Witschel andächtig. In der Werkstatt des Großenhainer Steinmetzmeisters ist die Skulptur entstanden. Vier Stück gibt es insgesamt davon auf dem viereckigen südöstlichen Treppenturm. Sie bilden den schmucken Abschluss und tragen auf dem Gesims ein kleines bisschen zum barocken Erscheinungsbild bei.
Alle vier Flammen, mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern und einer Größe von einem Meter, sind eine Spende der Familie Witschel. Zu der gehören neben Hartmut Witschel und seinem Bruder Andreas Witschel, ebenfalls Großenhainer Steinmetz, auch die heute im westfälischen Oeynhausen lebenden Cousins Rüdiger und Ekkehart Witschel. Letzterer war es, der die Idee von der Spende hatte. „Wir sind dann zur Stiftung Wiederaufbau Frauenkirche gegangen und haben gefragt, wofür wir spenden könnten. Da wurden uns viele Objekte genannt, und wir haben uns für die Flammen entschieden", erzählt Hartmut Witschel. Das ergab praktisch für jeden Witschel eine Flamme im Wert von je 4 250 Euro. Und weil zwei von ihnen Steinmetzen sind, wurden die Skulpturen in den Großenhainer Werkstätten gefertigt. Die Gesellen von Hartmut Witschel, dessen Unternehmen auf Restaurationsarbeiten spezialisiert ist, arbeiteten drei Flammen aus den Sandsteinen heraus. Andreas Witschel übernahm seine Flamme. Fast ein halbes Jahr nahm er sich dafür Zeit. „Wenn ich mal Lust und Laune hatte, arbeitete ich ein Stück weiter", berichtet er. Als Vorlagen dienten alte Pläne und auch aus dem Trümmerhaufen geborgene Reste der Originalstücke.
Die Spende der Familie kommt nicht von ungefähr. „Wir sind immer sehr heimatbezogen gewesen und verfolgen den Wiederaufbau der Frauenkirche seit Jahren", begründet Ekkehart Witschel die Wohltat. Ihn verschlug es Anfang der fünfziger Jahre gemeinsam mit den Eltern und dem Bruder zwar nach Westfalen, aber Sachsen ist für ihn immer noch ein Stückchen Heimat. Zumal die Familie Witschel, dass hat er bei einer Ahnenforschung mal heraus gefunden, ein alteingesessenes Geschlecht ist. Ein Urahn sei schon im 13. Jahrhundert Marschall beim Bischof von Meißen gewesen, erzählt Ekkehart Witschel mit Augenzwinkern. Und der Name verpflichtet sowieso. Aber in erster Linie spenden die Witschels aus Liebe zu Dresden und zur Frauenkirche. Besonders Hartmut Witschel ist von dem Bau begeistert, hat er doch selbst mit Hand angelegt. Und das nicht nur bei den Flammen. Schon nachdem der Trümmerhaufen abgetragen war, rekonstruierten er und seine Mitarbeiter viele Fundstücke. Außerdem arbeiteten sie später am Altar mit und stellten Elemente für die Altarnebenräume her. Hartmut Witschel: „Es ist ein schönes Gefühl, an diesem großartigen Bau mitgewirkt zu haben."
Foto: Die Sandsteinflamme ist installiert: Andreas, Hartmut, Ekkehart und Rüdiger Witschel sind mit ihrem Werk zufrieden und stoßen mit Sekt an.







