In Stein gehauene Familiengeschichte

Quelle: Sächsische Zeitung vom 13.11.2002 von Christina Avdi; Foto: Klaus-Dieter Brühl

Steinmetz und -bildhauer Hartmut Witschel über die Anforderungen von Material und Arbeit

Der Innenhof der Werkstatt wird an drei Seiten von einem überdachten Gang flankiert. Hier werden große Steinplatten aus aller Welt und aus verschiedenem Gestein gelagert. Gleichzeitig können hier die Steinmetze im Schutz vor Regen oder Sonnenschein im Freien arbeiten. Einer der Bildhauer behaut gerade einen Sandstein in Form einer Flamme. Sie ist für das Dach der Dresdner Frauenkirche vorgesehen. Hartmut Witschel, Steinmetz und Steinbildhauer, wirft einen prüfenden Blick auf die Arbeit. „Steinbildhauer bedeutet nicht, dass ich ein Künstler bin. Ich bin ein Handwerker, " sagt er.

Faszination Stein vom Vater geerbt

Er ist eine imposante Erscheinung: groß, konzentrierter Blick und zupackende kräftige Hände. Ein Handwerker durch und durch. Geduldig erklärt er seine beiden Berufsbezeichnungen, er wurde schon oft danach gefragt: „Steinbildhauer ist für den figürlichen Schmuck und der Steinmetz für die architektonische Gestaltung des Steins zuständig." Mit anderen Worten die Flammenkrone ist das Ergebnis eines Steinbildhauers, das Schneiden und korrekte Einbinden eines Steinblocks, oder die Formung eines Gesims für die Frauenkirche ist dagegen das Werk eines Steinmetzen. Beides ist der heutige 55-jähriger Handwerker. Schon der Vater war Steinmetzmeister und faszinierte damit seine drei Söhne. Heute arbeiten sie alle mit oder am Stein - Steinmetz, Steinbildhauer und Architekt. Hartmut Witschel wollte immer historische Gebäude restaurieren, den Figurenschmuck, die Ornamente, das Gesims oder die Säulen vervollständigen und die Geschichte des Hauses wieder lebendig machen. So lernte er zwei Jahre lang Steinmetz und zwei weitere Jahre Steinbildhauer. Er war der letzte, der noch eine Meisterprüfung in diesem eigenständigen Fach ablegen konnte. Danach wurde die Steinbildhauerei als Spezialisierung in den Lehrgang des Steinmetzen integriert. 1988 machte sich Hartmut Witschel selbstständig. Heute umfasst der Betrieb insgesamt 30 Mitarbeiter, deren Aufgaben von ihm überblickt und delegiert werden. „Mein Sohn Frank führt schon etwa 70 Prozent des Geschäfts und übernimmt so Schritt für Schritt den Betrieb", sagt er. Langsam zieht er sich zurück. Gelegentlich greift er selber zu Meißel und Hammer und arbeitet kleine figürliche Formen am Stein. In einer der Werkstatthallen ist eine riesengroße Steinsäge. Das Sägeblatt - so groß wie ein Lastwagenrad - ist mit Diamant bestückt und kann fast alles zerlegen.

Immer weniger junge Leute zu gewinnen

Der Lärm ist ohrenbetäubend. Unterhalb der Werkstatt wird das Regenwasser in drei Auffangbecken gesammelt, geklärt und zur Steinsäge gepumpt. Beim Sägen fließt gleichzeitig immer Wasser dazu. „Das Wasser ist Kühlungsmittel und Säuberung zugleich", erklärt der Steinbildhauer. Das Sägeblatt bleibt immer sauber, schlägt keine Funken, schneidet akkurat und der anfallende Steinstaub wird sofort in Form von feinem Steinschlamm mit dem Wasser in Spezialbehälter abgeführt. Hier wird das Wasser gereinigt, der Staub heraus gefiltert, geklärt und dann noch einmal verwendet. Ein geschlossener, selbstständiger Wasserkreislauf. „Heute sind weniger junge Leute bereit den Beruf des Steinmetzen und -bildhauers zu erlernen", sagt Hartmut Witschel. Das hänge auch mit den körperlichen Anforderungen dieses Handwerks zusammen, meint er.

Eigene Arbeit überdauert schließlich Jahrzehnte

Es ist kein einfacher Job, und „ein gewisses Grad an Kunstfertigkeit und Formgefühl" seien Voraussetzung für einen guten Steinmetzen. Dank der rigiden und streng eingehaltenen Schutzmaßnahmen sind Staublungenerkrankungen äußerst selten. Ein knochenharter Beruf, doch das Ergebnis ist fast unmittelbar und überdauert mehrere Jahre, sogar Jahrzehnte - und das stimmt zufrieden. Für Hartmut Witschel war es von Anfang an sein Traumberuf. Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde es sich wieder für diesen Beruf entscheiden. Das Arbeiten mit dem Stein erfüllt ihn mit Freude am Handwerk, Stolz und Genugtuung.

Heimischer Sandstein bleibt Favorit

Er weiß, welches Werkzeug, wann gebraucht wird, um den Stein zu bearbeiten und ihn von seiner schönsten Seite zu zeigen. Jede Steinart hat ihre Vorzüge: Granit ist hart und widerstandsfähig, Marmor wirkt edel und nobel, und die exotischen Gesteine aus Indien oder Brasilien können einen schlichten Fußboden zum Wohnerlebnis heben. Sein absoluter Favorit ist allerdings der heimische Elbsandstein. „Wegen seiner hohen Konzentration an Quarz ist er aggressiver als Marmor," sagt er. Der Stein lässt sich gut bearbeiten und nimmt schnell die gewünschte Form an. Andererseits ist er äußerst anfällig bei Luftverschmutzung und Umwelteinflüssen. Denn gefällt ihm das graue Gestein aus der Sächsischen Schweiz am meisten.

Hartmut Witschels Betrieb bearbeitet jeden Naturstein zur Restaurierung an kunsthistorischen Bauten oder für den Innenausbau von Häusern, als Wandverkleidung, Fußboden oder Treppe. „Die Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche verlangt höchstes handwerkliches Geschick", sagt der Steinbildhauermeister. Der Kirchenbau sei nicht nur eine große Herausforderung an Statik, Restauration und Handwerk. Er bestehe auch fast ausschließlich aus seinem Lieblingssandstein.

Hartmut Witschel (rechts) begutachtet die Flammenkrone aus Sandstein, der Andre Oestreicher hier den letzten Schliff gibt. Viel Einfühlungsvermögen und Kunstfertigkeit braucht man für die Arbeit am Stein.      
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